Ästhetik, Magie und Ausdruckskraft monochromer Bilder

Am Kanal - Fotos in SchwarzweißLange Zeit hindurch schien es, als habe mit der Einführung der Farbfotografie diese die Schwarzweiß-Fotografie in den Medien umfassend verdrängt. In den Broschüren, auf Werbeplakaten, in Tageszeitungen, Zeitschriften und den übertragenen Fernsehbildern wurden die bis dahin üblichen Fotos in Schwarzweiß allmählich durch Farbabbildungen ersetzt. Mindestens in der Fotografie, in den Modezeitschriften, in den Galerien und vereinzelt auch in den sonst farbigen Werbeplots und Werbebildern hat sich dieser Trend wieder ins Gegenteil verkehrt. Diese auffällige Umkehr, hin zur monochromen Bildgestaltung, war eines der wesentlichen Motive, das Projekt ›Fotos in Schwarzweiß‹ entstehen zu lassen.

Wir erleben ein stetig wachsendes Interesse, sich der notorisch selten gewordenen Fotos in Schwarzweiß wieder verstärkt zuzuwenden und ihre historischen Wurzeln (Schwarzweiß) und unstrittigen Qualitäten neu aufleben zu lassen. Man entfernt sich zunehmend wieder von der bunten, fast übermächtig gewordenen Beliebigkeit, um sich auf die klassische Darstellung der verhaltenen, stillen Eleganz von Schwarzweiß-Bildern zu konzentrieren. Und dieser Trend ist gottlob keinesfalls Ausdruck einer modischen Marotte. Leica war der erste Kamerahersteller, der 2013 mit der digitalen ‚Leica M Monochrom‘ einen Fotoapparat auf den Markt brachte, dessen hochauflösender Schwarzweiß-Bildsensor ausschließlich für die Fotos in Schwarzweiß entwickelt wurde. Die Vorteile bestehen in der größeren Lichtempfindlichkeit, der besseren Schärfe und dem höheren Kontrast, da auf den Tiefpassfilter (Antialiasing-Filter), der in der Hauptsache Moirés-Effekte verhindern soll, verzichtet werden kann.

 

Orientierungen

Meine für Fotos in Schwarzweiß entwickelte Leidenschaft generell begann bereits Anfang der Siebziger Jahre, in denen ich zunächst noch viel mit der Kamera experimentierte. Die meditative, verweilende, angestrengte, präzise und viel Zeit und Aufmerksamkeit beanspruchende reine Bildgestaltung und Bildaussage spielte zu diesem Zeitpunkt noch eine allenfalls untergeordnete Rolle. Mein Interesse galt ganz selbstverständlich fast ausschließlich der Schwarzweiß-Fotografie, zumal die Schwarzweiß-Filme ja auch wesentlich billiger in der Anschaffung waren. Zusätzlich hatte ich in meiner 90qm großen Berliner Wohnung ein kleines Fotolabor für die Entwicklung und Vergrößerung eingerichtet. Für die Schwarzweiß-Entwicklung waren die Anforderungen nicht sonderlich anspruchsvoll: Einen Durst-Vergrößerer, da der Hersteller ›Durst‹ einen guten Ruf hatte, eine Rotlichtlampe, einige Jobo-Entwicklerdosen, Entwicklerschalen, Greifzangen und einige Behälter mit den entsprechenden Chemikalien. Ganze Nächte hindurch hielt ich mich während meiner Studienzeit im Fotolabor auf, entwickelte Schwarzweiß-Filme und stellte Abzüge her. Nichts war spannender, unter einer Rotlichtlampe die Positive zu belichten, stellenweise zu dunkle Bereiche etwas ›abzuwedeln‹ – um mehr Zeichnung zu erhalten – und endlich dem geheimnisvollen Entstehen der immer klarer werdenden Konturen des Schwarzweiß-Bildes in der Entwicklerschale zuzusehen.

Für Vitalität, Dynamik, Bewegung, ungewöhnliche Perspektiven in der Fotografie konnte ich mich begeistern, und so bat ich Freunde, an mir möglichst schnell vorbeizulaufen, um sie in der Bewegung auf dem Schwarzweiß-Film festzuhalten – während ich mit dem Apparat auf dem Boden lag. Ebenso interessierten mich vorbei rasende Züge, Motorräder oder Autos; schließlich auch Hunde im vollen Lauf, um ihre Dynamik durch einen sich verwischenden Hintergrund bei mitziehender Kamera einzufangen.

Von etwa 1978 an war ich einige Jahre schließlich Mitglied in der ›Fotowerkstatt Kreuzberg‹. Wir trafen uns dort regelmäßig, fotografierten uns gegenseitig und besprachen die eigenen Fotos in Schwarzweiß, aber auch die Fotoarbeiten von berühmten, hauptsächlich den Ikonen der amerikanischen Fotografen (z.B. Robert Frank, dessen subjektiver und sozialkritischer Stil von den Amerikanern als ›snapshot aesthetic‹ bezeichnet wurde; Edward Steichen, der bemüht dafür war, grundlegende Werte oder Gemütszustände von prominenten Zeitgenossen symbolhaft darzustellen; Ansel Adams mit seinen eindringlichen, perfekten Landschaftsfotografien; Walker Evans, der insbesondere mit seinen Porträts während der Großen Depression der 1930-er Jahre große Bedeutung erlangte; Weegee, der offiziell mit Polizeifunk ausgestattet war und am Ort des Geschehens Fotos aus nächster Nähe mit dem Blitz extrem hart ausgeleuchtet hat; Diane Arbus, die in den 1960-er Jahren häufig im Central Park Exzentriker, Transvestiten, Freaks und andere Außenseiter fotografiert hat).

 

Von der Schönheit der Schwarzweiß-Fotografie

Sehr wahrscheinlich hat von diesem Zeitpunkt an für mich die Bildgestaltung, aber auch die Theorie der Fotografie eine immer größere Rolle gespielt. Ich besorgte mir Grundlagenliteratur etwa zu den Themen ›Schwarzweiß-Fotografie‹, ›Kontrastbeeinflussung‹, ›Filtertechniken‹, ›Bildgestaltung‹, ›Bildaufbau‹, ›Belichtungstechniken und Korrekturen‹, beschäftigte mich mit dem von Ansel Adams entwickelten Zonensystem, las neben einer Reihe von Aufsätzen die Bücher von Gisèle Freund, John Berger, Thomas Neumann, Wolfgang Kemp, Pierre Bourdieu, Susan Sontag, Siegfried Kracauer oder Walter Benjamin.

Wartehäuschen im Nebel - Fotos in SchwarzweißÜberhaupt waren damals schon Fotos in Schwarzweiß für mich das Maß aller Dinge, eine zeitlose, klare, angenehme und wünschenswerte, fast ultimative Ausdrucksform. Ein schönes Schwarzweiß-Foto kann durchaus den Zustand einer wohligen Behaglichkeit auslösen, da wir in ihm etwas Vertrautes einer längst vergangenen Zeit zu entdecken glauben, etwas, das immer in der Nähe war, uns Sicherheit gibt, etwas, das wir irgendwie kennen und uns schon immer begleitet hat, von dem wir uns nicht trennen wollen und können. Wann immer es mir möglich ist, bin ich auf der Suche nach geeigneten Motiven, eine Motivsuche, die oftmals von der Frage bestimmt ist, ob sie beziehungsweise ob das, was ich fotografiere für die spätere Konvertierung in Schwarzweiß von Nutzen sein könnte. Immer wieder bin ich enttäuscht darüber, wie nichtssagend, uninteressant oder langweilig viele der Aufnahmen in Farbe aussehen. Deshalb ist es umso erstaunlicher, welche Veränderungen möglich sind, wenn einige dieser Fotos in Schwarzweiß konvertiert wurden, wie es gelingt, unvermutete Ästhetik, anschauliche Reduktion, bestechende Klarheit, sparsame Ausdruckskraft oder faszinierende Dramatik zu erreichen.

Grundsätzlich fotografiere ich im RAW-Format mit möglichst geringer ISO-Zahl, verwende bevorzugt Blende 5.6, 8 oder 11, da hier im Regelfall die größtmögliche Auflösung erreicht werden kann. Außerdem fertige ich den größten Teil meiner Aufnahmen mit dem Stativ an. Ein Stativ zwingt mich, das Bildfeld sorgfältig zu gestalten, Unnötiges wegzulassen, eine Art Beziehung aufzubauen, mich dem Motiv gewissermaßen meditativ zu nähern, um herauszufinden, was es »im Innersten zusammenhält«. Struktur, Textur, einfache Motive, möglichst größere Anteile monochromer Flächen, bestimmte Farbkontraste sind mir für die spätere Konvertierung in Schwarzweiß wichtig.

Mit der Umsetzung der uns umgebenden Wirklichkeit in eine differenzierte Darstellung von Grauwerten steht dem Bildgestalter ein ausgesprochen mächtiges Ausdruckmittel zur Verfügung.
Die Darstellung des fotografischen Bildes war in seinen Anfängen und in den folgenden fast 100 Jahren immer Schwarzweiß.
Die Reduktion eines Bildes auf den differenzierten Kanon von Grautönen, bringt etwas zum Vorschein, was durch die Farbgestaltung kaum möglich ist. Die schwarzweißen Bildinhalte können direkter, ausdrucksstärker und konzentrierter wahrgenommen werden. Vor die Wahl gestellt, in Zukunft entweder nur noch in Fotos in Schwarzweiß aufzunehmen oder in Farbe fotografieren zu können, fiele die Entscheidung nachdrücklich zugunsten der Schwarzweiß-Fotografie aus.

 

Austattungsfragen

Soweit ich mich richtig erinnere, war meine erste Spiegelreflexkamera eine für heutige Verhältnisse archaisch anmutende ›Porst Reflex‹, die als Hausmarke von einem großen Fotohändler in Nürnberg verkauft wurde. Das muss Anfang der 1970-er Jahre gewesen sein. Vermutlich Mitte der Siebziger Jahre wurde sie durch die ›Yashica FE‹ ersetzt.

(›Yashica‹ war ein zu jener Zeit in Deutschland bekannter und beliebter japanischer Hersteller, dessen Unternehmen 1949 zunächst unter dem Namen ›Yashima Seiki K.K.‹ in Nagano gegründet und fast 10 Jahre später, 1958, in ›Yashica K.K.‹ geändert wurde. Schon 1959 brachte Yashica die erste Spiegelreflexkamera mit dem Namen ›Yashica Pentamatic‹ auf den Markt.).

Etwa Ende der Siebziger Jahre erwarb ich die legendäre ›Canon AE-1‹, die 1976 auf den Markt kam und damals als Meilenstein in der Entwicklung der Kameratechnik galt. Immerhin war die ›Canon AE-1‹ die erste Kamera, die einen Microprozessor enthielt und von diesem zuverlässig gesteuert wurde. Mit der ›AE-1‹ habe ich bis etwa Mitte der 80er Jahre hinein gearbeitet, übrigens auch in einigen südlichen Ländern, da die Kamere einen relativ robusten Korpus hatte. In diesen Jahren mit der ›AE-1‹ hat die Porträtfotografie einen breiten Raum eingenommen. Folglich ergänzte ich das schon vorhandene Standardobjektiv um einige längere Brennweiten; etwa einem 85er Porträtobjektiv,  das respektable Abbildungsleistungen  aufzuweisen hatte, später einem 100er und endlich auch einem 135er Objektiv. Viele meiner Porträtaufnahmen sind übrigens – selbstverständlich in Schwarzweiß – in Griechenland, Italien oder Spanien entstanden.

Wohl mehr aus Neugier und dem Gefühl heraus war ich davon überzeugt, unbedingt wieder einmal das System wechseln zu müssen. Ich entschied mich für Nikon und kaufte die damals ebenfalls legendäre ›Nikon F3‹, später als eine Art Zweitkamera die ›Nikon F100‹ (mit der ich die Fotos für ein Klinikprospekt bzw. für Imagebroschüren der Stadt Hannover anfertigte) und zusätzlich auch die ›Nikon F60‹. Mit der analogen Technik habe ich schließlich noch bis in die späten 2000-er Jahre hinein gearbeitet, bis sich auch bei mir endlich die Einsicht in die Notwendigkeit einer Umstellung durchgesetzt hat.

Wie verlockend es doch war, mich von der ›alten‹ und umständlichen analogen Technik und den damit verbundenen Einschränkungen befreien zu können, frei zu sein von Dunkelkammer, Chemikalien, Dosenentwicklung, Vergrößerungsapparat, Fotostudios oder schlicht von der Begrenzung eines 36-er Films.

Und so hat das Zeitalter der digitalen Fotografie für mich erst verhältnismäßig spät und parallel zu der von mir noch bevorzugten analogen Fotografie – vermutlich im Jahre 2002 – angefangen, und zwar zunächst noch mit einer kompakten, unförmig wirkenden und wohl auch noch recht trägen ›Canon Powershot G2‹. Knappe 2300 D-Mark wurden damals dafür verlangt. Eine ansprechende Qualität konnte ich damit nicht einmal ansatzweise erreichen. Bis in das Jahr 2007 hinein habe ich immer noch vorwiegend und bevorzugt mit analogen Fotogeräten gearbeitet und meine Fotos in Schwarzweiß hauptsächlich mit der ›Nikon F3‹ und der ›Nikon F100‹ angefertigt. Gegen Ende 2007 erwarb ich schließlich die ›Nikon D300‹, mit einem ›APS-C-Sensor‹, der dem gleichsam halbherzig benutzten Vorgänger in seinen Möglichkeiten deutlich überlegen schien. Bis in das Jahr 2013 hinein habe ich mit der D300 gerne und ausgiebig fotografiert, während in diesem Zeitraum allmählich der Wunsch nach einer Vollformat-Kamera entstand. Zusätzlich wuchs das Bedürfnis, mich wieder der ›Canon-Familie‹ zuzuwenden, die ich in den 80-er Jahren so unvermittelt verlassen hatte. Und so erwarb ich Anfang August 2013 eine ›Canon D5 Mark III‹ und war erstaunt darüber, welcher immense Qualitätszuwachs hinsichtlich der Bildqualität mit diesem Modell erreicht werden konnte. Da ich nicht ständig mit dem recht schweren und wuchtigen System unterwegs sein wollte, wurde die ›Canon D5 Mark III‹ im August 2017 durch eine äußerst kompakte ›Sony Alpha 6300‹ ergänzt. Inzwischen bin ich je nach Notwendigkeit und Laune mal mit der einen, aber zugegeben, mehr noch mit der anderen, der handlichen Sony unterwegs.